Stefan Brinkmann
Das Warten

Es ist eine Gruft, eine Gruft, die ewig erleuchtet bleibt. Kein warmes Sonnenlicht, sondern Licht, kalt wie Eis, monotones, lebloses Licht... Was auch immer von diesem Licht berührt wird, es scheint ebenso leblos, ebenso monoton, leer. Sehen Sie sich nur einmal die Menschen hier unten an. Sie sehen aus wie lebende Leichen. Doch es liegt nicht nur an diesem Licht. Allein ihre Augen. sie blicken ins Nichts, an allem vorbei und durch alles hindurch. Selbst die junge Frau, die ganz links auf der Plastikbank sitzt, die, welche ein Buch liest, selbst sie scheint nicht die Zeilen zu verfolgen. Schon seit 15 Minuten hat sie nicht umgeblättert. Es ist fast so, was meinen Sie, als ob sie sich versteckt hinter ihrem Buch. doch damit ist sie nicht allein. Nehmen Sie nur den alten Mann auf der anderen Seite. Sein Haar ist grau, seine Haut ist faltig, die Finger sind knochig. Wo hinter er sich versteckt? Hinter dem Tod, das ist doch offensichtlich, dem Tod, der Herrscher ist über diese Welt.

Einer versucht, seine Tyrannei zu durchbrechen. Sein Schrei durchbricht die unantastbare Stille, die nur das Surren des kalten Lichtes enthält. Ein klarer Schrei, unschuldig und voller Leben. Fast keiner mag auf ihn hören, nur der feine Herr mit Aktentasche und Handy wirft ihm einen strafenden Blick zu. Und sofort versucht die junge Mutter, ihr Baby zu beruhigen. Noch will es ihr nicht gelingen, aber seien Sie sich sicher, auch diesen Kampf wird der Tod gewinnen.

Es ist schwierig, hier unten ein freundliches Gesicht zu finden, und wenn man eines entdeckt, so ist das nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Die alte Frau, gleich neben dem jungen Mädchen mit dem Buch. Was halten Sie von dem Lächeln? Kein Lächeln, bei dem es einem warm wird ums Herz. Kein fröhliches Lächeln, leicht oder unbeschwert. Es ist ein verzweifeltes Lächeln, resigniert, hoffnungslos, mit einem Hauch von Wahnsinn. Hören Sie einmal genau hin. Wenn das Baby nicht schreien würde, dann könnten Sie hören, wie sie vor sich hinmurmelt, von Zeit zu Zeit. Sie spricht nur noch zu sich selbst, ist ihre letzte Zuhörerin. Auch sie versteckt sich; hinter ihrer Einsamkeit.

Spüren Sie das auch? Es liegt eine gewisse Spannung in der Luft, als ob alle auf etwas warten würden. Nun, mögen Sie sagen, das ist nicht ungewöhnlich, nein, es sei sogar zu erwarten hier unten. Denn sie alle sind hier, um zu warten. Doch, glauben Sie mir, heute ist es anders. Ich glaube, wir werden gleich Zeugen eines faszinierenden Schauspiels. Dem Tod wird sich ein neuer Herausforderer stellen.

Jetzt schweigt das Baby, aber selbst, als es noch geschrieen hat, war die Stille unberührt. Sie ist in diesen Menschen.

Hören Sie doch, hören Sie, Schritte! Wir bekommen Besuch. Die rechte Treppe. Gleich wird der Besucher zu sehen sein. Lauschen Sie den Schritten. Tap. Tarap. Tarap. Er geht die Treppe nicht herunter, er springt, unbeschwert und fröhlich, wie ein Reh.

Da kommt er, ich sehe den Mantel, jetzt das Gesicht, und wer hätte das gedacht, er trägt einen Hut. Ungewöhnliche Kleidung für einen so jungen Mann; sicher ist er nicht älter als 25. Er scheint einem dieser alten Filme entsprungen zu sein, oder dieser Whiskey - Werbung. Nur, er füllt den Mantel nicht ganz, und der Hut, auch er passt nicht wirklich. Das alles sieht irgendwie unordentlich aus. Aber sein lächeln gefällt mir, es scheint wirklich ehrlich, finden Sie nicht auch? Es hat etwas warmes, freundliches, offenes. Schauen sie sich seinen Gang an. Er scheint fast über dem Boden zu schweben. Selbst dieses Licht hier unten kann ihm nichts anhaben.

Jetzt kommt er zu dem alten Mann. Er bleibt stehen, und, was tut er jetzt? Er zieht seinen Hut und verbeugt sich. Nicht auf diese respektlos überhebliche Art vieler junger Leute. Nein, diese Bewegung hat noch die uralte Ehrfurcht vor dem Alter in sich. jetzt richtet er sich wieder auf und reicht dem alten die Hand. Sehen Sie sich das an! Die Augen des Greises, sie leuchten. Wie lange haben sie wohl nicht mehr so gestrahlt? Die alte Hand ergreift die junge, und der Neuankömmling zieht ihn zu sich herauf, nimmt seinen Hut und bedeckt damit das dünne Haar des anderen. Seines ist blond und voll, und selbst in diesem Licht gleißt und glänzt es, wie von innen heraus. Nun geht er weiter, lässt den alten Mann stehen, der ihm mit offenem Mund nachsieht.

Und kommt zu dem Mann mit dem Aktenkoffer. Auch hier hält er an in seinem federnden Gang, sieht ihm lächelnd ins Gesicht. Was soll das denn nun werden? Oh, ich verstehe, er tut so, als wolle er seinen Hut ziehen, und scheint ganz überrascht, als dieser nicht da ist. Verwundert betastet er sein vollen Haar. Jetzt lacht er, ja, er lacht, hell und klar, und, ich glaube es kaum, nimmt sich den Hut des feinen Herren, setzt ihn sich auf und, bevor der andere erst den Mund aufbekommt, lüftet ihn höflich. Und setzt ihn wieder dem Aktenkoffermenschen auf. Geht er weiter? Nein, etwas scheint ihn zu stören, mit schiefen Kopf betrachtet er sein Gegenüber. Dann greift er nach dem Hut und setzt ihn schief, leicht in die Stirn verschoben. Dann zwinkert er dem verdutzten Mann zu und setzt seinen Weg fort. Unglaublich, aber der Schlipsträger kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Man sieht ihm an, dass im Lächeln keine Übung hat.

 

Nun hat der junge Mann die Frau mit dem Kinderwagen erreicht, aber diesmal geht er weiter, ohne innezuhalten. Genau diesen Zeitpunkt wählt das Kind auf, um wieder loszuschreien. Seltsamer Zufall, was denken Sie? Ruckartig bleibt der Mantelträger stehen, wirbelt herum und ist im nu beim Kinderwagen. Sein Gesicht drückt unendliche Traurigkeit aus, im nächsten Moment uneingeschränkte Fröhlichkeit, und tippt seinen Finger zum Gruß an die Stirn. Können Sie das fassen? Das Kind lacht! Es lacht, glucksend, mit kindlicher Unbefangenheit. Das Lächeln des feinen Herren, es ist jetzt deutlich zu erkennen.

Nun bin ich gespannt, wie er auf die alte Frau reagiert. Er hat sie schon erreicht. Nachdenklich blickt er auf sie herab. Dann setzt er sich neben sie, beginnt, leise auf sie einzureden. Können Sie verstehen, was er sagt? Ich auch nicht, und mir ist nicht klar, was er bewirken will. Das alte Mütterchen nimmt ihn doch anscheinend gar nicht wahr.

Wie lange sitzt er schon neben ihr? Ich weiß es nicht, aber seine Geduld ist bewundernswert. Und er scheint tatsächlich Erfolg zu haben. Sie dreht sich zu ihm um, und wahrhaftig, sie sieht ihn direkt an, nicht durch ihn hindurch. Sie hört ihm zu, und, sehen sie doch, sei antwortet ihm. Und jetzt hört er ihr zu, nimmt ihre dünne Hand zwischen seine. Wie lange das noch so gehen wird? Die Zeit verrinnt, bald werden sie alle diese Gruft verlassen. Ah er erhebt sich, hilft auch ihr auf. Erkennen sie die Dankbarkeit in ihren Augen? Sie wendet sich ab, und wirklich, geht zur anderen Seite, an Mutter und feinem Herren vorbei, zum alten Mann, stellt sich zu ihm, spricht ihn an. Der Anfang eines Gesprächs. Und der seltsame Junge sieht lächelnd herüber, winkt ihnen. Zögerlich winken beide zurück. Wenn ich es nicht besser wüsste, ich würde denken, ich träume. Haben sie schon jemals so etwas erlebt?

Nun hält er auf die junge Frau zu. sie ist hübsch, nicht wahr, etwas blass nur. Sie sieht zu ihm auf, sieht ihn kommen. Sie starrt ihn schon an, seit er hereingekommen ist, ungläubig, angstvoll, wie eine Maus die Schlange. Ihr Buch ist vergessen, aus ihren Händen geglitten, liegt zu ihren Füßen. Jetzt steht er vor ihr, und immer noch haften ihre Augen auf den seinen. Im Hintergrund gluckst immer noch das Baby, und das Gemurmel zweier Unterhaltungen mischt sich dazu; der feine Herr hat die junge Mutter in ein Gespräch verwickelt, vielleicht hat er sich für sein unfreundliches Verhalten von vorhin entschuldigt. Doch die jungen Leute scheint das nicht zu stören. Ihre Welt hat sich von dieser getrennt. Sie stehen nun in einem anderen licht, sehen sich einfach nur an.

Ohne seinen Blick von ihrem zu lösen, kniet er vor ihr nieder, hebt das Buch auf und drückt es ihr sanft in den Schoß. Wie zufällig berühren sich ihre Hände, und sie erschaudert, schlägt die Augen nieder. Will er ihr etwas sagen? nein, er steht auf, beugt sich über sie und haucht ihr einen Kuss auf die Stirn. Ob sie sich kennen? Nein, sie haben wohl recht. Ich glaube das eigentlich auch nicht. Ein seltsamer Kerl.

Können sie das Grollen hören, im Tunnel? Sie kommt. Der Zauber ist vorbei. Schade, eigentlich. Aber der Lauf der Dinge lässt sich nicht wirklich stoppen. So ein Zauber kann nicht länger währen als ein paar Momente.

Der junge Mann steht jetzt ganz links, gleich neben der Mündung des Tunnels, aus dem sie gleich auftauchen wird. Er blickt in den Graben, und sein Blick wird schwermütig. Seine Schultern sinken ab, und er scheint zu schrumpfen, ist mit einem mal älter als der alte Mann, einsamer als das Mütterchen, gefangener als der feine Herr, verzweifelter als die junge Mutter, isolierter als die junge Frau. Noch einmal dreht er sich zu seinem Publikum um, doch nur noch die Frau mit dem Buch achtet auf ihn Das Grollen wird lauter. Gleich ist sie da.

Er formt einen Trichter vor seinem Mund und ruft, können sie es verstehen? Ich glaube, so etwas wie:

"Ich wünsche ihnen einen schönen Tag."

Und springt.

Bei Gott, er hat es wirklich getan. Und schon rollt der erste Wagen über ihn hinweg. Bremsen heulen und kreischen, doch es ist zu spät. Viel zu spät. Auch die Frau schreit. Sie schreit, als ob sie nie wieder aufhören will. Ihr Buch liegt wieder auf dem Boden. In den Gesichtern der anderen glimmt erst langsam das Begreifen auf. Fast synchron wenden sich die Mutter und das Mütterchen ab, den Männern zu, die mit offenem Mund und vor entsetzten weit aufgerissenen Augen auf den Punkt starren, wo eben noch der junge Mann stand. Das Kind weint wieder.

Das Licht ist wieder kalt geworden, noch kälter als zuvor. Seltsam. Der junge Mann konnte den Tod all der Anderen besiegen, nur den eigenen nicht. Hat der Tod doch gesiegt? Was meinen sie?

“Das Warten” erscheint bei uns 2004 in “Zwielichtpfade”, einer Sammlung von Geschichten zwischen Licht und Schatten, geschrieben von Stefan Brinkmann alias Der NachtPoet.