Stefan Brinkmann
Schreiben Lernen

Was sind die häufigsten Fragen, die ein Schreiberling zu hören bekommt?
"Woher nimmst Du Deine Ideen?"
"Wie machst Du das?"
"Gibt es da einen Trick? Kann man das lernen?"
Und wir von der schreibenden Zunft stehen da, geben kluge und gewitzte Antworten, die letztendlich nur eines sagen:
"Ich habe nicht die geringste Ahnung."
Was die Sache nicht einfacher macht. Ich denke mal, eines der schlimmsten Dinge für einen Schreiberling ist die gefürchtete Schreibblockade. Was nichts anderes heißt als dass dieses Wunder, welches wir immer und immer wieder in uns erleben, auf einmal nicht mehr passiert. Und da wir vorher nicht wußten, warum es überhaupt geschieht, und wie, sind wir hilflos und ohnmächtig in unserem Unvermögen.

Noch weniger kann ein Schreiberling letztendlich darüber sagen, wie Schreiben funktioniert. Mal ganz davon abgesehen, dass so ziemlich jeder seine eigene Technik hat, die Inspiration zum Fließen zu bringen und die Muse anzulocken, einzufnagen, anzuketten und für sich arbeiten zu lassen. Wir wissen es einfach nicht. Handeln instinktiv. Hoffen, dass es morgen immer noch funktioniert.

Kann man also schreiben lernen? Sicher. Jeder von uns hat irgendwann sein erstes Gedicht, seine erste Geschichte geschrieben. Wenn ich mir heute meine ersten Werke anschaue, finden sich darunter durchaus ein paar Perlen, Glücksgriffe, aber auch vieles, was ich heute anders schreiben würde. Besser, vielleicht. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem talentierten Schriftsteller und einem wirklich guten Schriftsteller. Und auch jemand, der nicht unbedingt das megatalent mitbringt, kann sich zumindest die Grundzüge, die Technik, einverleiben und mit etwas inspiration ein solider Schreiberling werden.

Wir können nicht sagen, wie das Schreiben funktioniert. Aber wir können vielleicht Wege aufzeigen, wie jeder sein Schreiben selbst in Erfahrung bringen kann. Ein paar Beispiele:

Schreibmuskeltraining
Niemand ist auf Anhieb perfekt. Jeder Schreiberling hat eine Art Schreibmuskel, dessen Ausdauer und Stärke nicht nur die Menge bestimmt, die er zu Papier bringen kann, ohne abzusacken, sondern auch die Länge der Werke, die er zuwege bringt, und die Intensität. Wem es ernst ist mit dem Schreiben, der sollte dringend diesen Muskel trainieren.

Schritt 1: Lesen, Lesen, Lesen
Lernt von denen, die es können. Lest Bücher, solche aus dem Genre, in welchem ihr euch versuchen wollt, aber auch Genre-Fremde Werke, um eure Palette zu erweitern. Lest aufmerksam. Betrachtet die Technik, schaut euch an, was die Stellen funktionieren lässt, die euch besonders beeindrucken. Jeden Tag eine Stunde lesen sollte das mindeste sein. Und sei es das HörBUCH (nicht Hörspiel) im Auto, das Buch auf dem Klo, eines in der Manteltasche für Wartezeiten und die öffentlichen Verkehrsmittel. Es gibt so unglaublich viel Leer-Zeit, die wir für dieses Training verwenden können.

Schritt 2: Schreiben, Schreiben, Schreiben
Täglich. Mein Ernst. Egal was. Egal, ob es gut ist, was taugt, jemals euren Schreibtisch verlässt oder gleich in der Müll-Ablage endet. Hauptsache, ihr schreibt. Egal über was. Egal, ob es eine tolle idee oder nur ein verrückter Versuch ist. Egal, ob Kurzgeschichte oder Roman oder Gedichte. Schreibt. Schreibt euch die Seele aus dem Leibe.

Schritt 3: Die Muse anlocken
Die Muse ist ein launisch Ding, wenn man sie nicht trainiert, kommt und geht sie, wie es ihr passt. Wer es aber wirklich ernst meint mit dem Schreiben, muss in der lage sein, täglich zu schreiben, und zwar inspiriert zu schreiben.
Schafft euch dazu eine feste Zeit und einen festen Ort, um zu schreiben. Die Muse muss wissen, wo und wann sie euch findet. Und dann, schreibt. Nicht eine feste Zeit lang, da ist es zu leicht, sich selbst auszutricksen. Sondern eine feste Menge. 1000 Worte zum Bleistift, für den Anfang, und dann, wenn der Muskel sich langsam aufbaut, aufstocken auf 2000 Worte.
Die Muse wird kommen. Allein, um zu sehen, wie ihr euch abmüht. Schreiben ist Arbeit, macht euch da nichts vor. Aber eine unglaublich erfüllende Arbeit, und, letztendlich, können wir eh nicht anders. Und dann, vielleicht, wird diese kleine Muse Einsehen haben, ab und an kurz ihre Hand auf euch legen. Mit etwas glück findet sie Vergnügen daran und macht es dann ebenso regelmäßig, wie ihr euch an euren kreativen Ort setzt, zu eurer Schaffens-Zeit.

Technik, die begeistert
So ungern wir kreativen Gesiter uns von Regeln einzwängen lassen, so wichtig sind sie dennoch, um wirklich gut zu sein. Wer eine Regel bricht, sollte sie zuerst beherrschen. Wer eine Form oder Technik verwendet, sollte es können, um das Werk zu bereichern, und sie nicht einfach nur verwenden, weil es toll aussieht, denn sonst schnürt er dem Werk die Luft ab. Lernt das Handwerk. Sucht euch die Werkzeuge, sammelt sie, und wenn ihr sie blind und präzise anwenden könnt, lernt neue Wege, sie zu nutzen. Und wieder: Lernt von denen, die es können. Lest Autoren, die ihr gut findet. Immitiert ihren Stil. Findet heraus, wie er funktioniert, und warum. Und dann baut das bei euch ein, was ihr gebrauchen könnt.

Motivation
Wichtig: Lernt eure Charaktäre kennen, egal, ob in Geschichte und Gedicht. Macht euch klar, was sie antreibt, warum sie das tun, was sie tun. Und dann, findet heraus, ob ihr es dem Leser auch mitgeteilt habt. Ihr müsst es ihm nicht aufs Auge drücken, aber es sollte da drin sein, und sei es zwischen den Zeilen.

Einmal ist keinmal
Die Geschichte ist fertig. Ihr habt sie geschrieben, oder sie euch, und nun ist sie gebannt, auf Papier. Fertig? Denkste. Jetzt kommt der schwierige Teil. Die Überarbeitung.

Weniger ist mehr
Es gibt eine Faustregel für Geschichten jeder Art: Rohfassung - 10% = Endfassung. Eine Rohfassung von sagen wir 2000 Worte ist demnach 200 Worte zu lang. Lest sie durch, und streicht alles, was nicht essentiell ist. Weniger als 200 Worte? Repeat. Es geht.

Sich selbst zuhören
Lest euch die Geschichte/das Gedicht selbst vor. Laut. Oder lasst sie euch vorlesen. Beobachtet, wo es euch schwer fällt, die Spannung aufrecht zu erhalten, ihr nachlässig im vorlesen werdet, oder eure Gedanken abdriften, wenn andere sie vorlesen. Rotstift zücken und die Stellen überarbeiten.

Sei dein härtester Kritiker
(oder halte dir einen im Hinterhof)
Wer schreibt, muss lernen, mit Kritik umzugehen. Wenn jemand sagt: "Das ist großer Mist", dann heißt es nicht eingeschnappt zu sein, sondern zu fragen: "Warum?" und ihn nicht in die Ecke diskutieren mit dem, wie ihr es gemeint habt (wenn er es nicht kapiert hat beim lesen, dann ist es auch nicht gut genug drin), sondern lasst so lange nicht locker, bis ihr wisst, was er meint. Stellt euch selbst zur rede und seid erhlich zu euch: Hat er recht damit? Vielleicht im Ansatz? Rotstift, überarbeiten.
Ehrlich, jeder, dem eure Geschichte nicht gefällt, sit für euren Schreibmuskel und eure Technik Gold wert. Die begeisterten sind fürs Ego.


Gib niemals auf
Manchmal ist schreiben wie Golfen. Es gibt Tage, da gelingt alles, und dann Wochen, in denen nichts geht. Niemals aufgeben, niemals kapitulieren. Am Ball blieben. Schreiben, auch wenn es weh tut. Den Frust rausschreien, nein rausschreiben. Jedes Nein als Aufforderung verstehen, noch mehr über sich hinauszuwachsen. Auch mal locker lassen, einfach schlecht sein, mein Gott, und grottig weiterschreiben, aber nicht, niemals, aufhören.
 

 

Gehen wir noch ein wenig ins Detail

(Kurz)Geschichten/Novellen/Romane

Die erste Seite
Wenn ich in einen Laden gehe, um ein Buch zu kaufen, und nichts da ist von meinen Stammautoren, dann nehme ich gerne ein Buch in die Hand, das mich vom Titel her anspricht. Schlage die erste Seite auf. Lese den ersten Satz. Wenn der mich überzeugt, lese ich den ersten Absatz. Wenn der mich neugierig macht, lese ich die erste Seite. Wenn ich dann wissen will, wie es weiter geht, dann kaufe ich das Buch.
Lektoren gehen ähnlich vor.
Es ist immens wichtig, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln. Wenn wir den Leser in der Mitte mal kurz verlieren, ist das nicht gut, aber mit etwas glück nimmt er das Buch nach drei Tagen wieder in die Hand und liest weiter. Wenn wir ihn am Anfang verlieren, bekommen wir keine zweite Chance.

Techniken, um einen Leser einzufangen
Leser sind furchtbar scheue Wesen. Sie kommen nur dann aus der Deckung, wenn wir es schaffen, sie wirklich, wirklich neugierig zu machen. Das schaffen wir durch

Fragen
Wenn der Leser sich nach den ersten Zeilen eine Frage stellt, haben wir fast schon gewonnen. Sei es, dass wir etwas andeuten, ohne genauer darauf einzugehen. Eine Bedrohung schaffen, oder nur eine bedrohliche Atmosphäre, die nicht wirklich greifbar ist, aber doch da. Spannung zwischen zwei Charaktären, ein Streitgespräch vielleicht, von dem wir nicht wissen, um was es geht. Ein unvorhergesehenes Ereignis, welches wir zwar anschubsen, aber noch nicht rollen lassen.

Atmosphäre
Baut dem Leser ein Nest. Eine Welt, in der er sich wohl fühlt, in die er eintauchen will. Stellt ihm ein Wesen vor, das ihn fasziniert, über das er mehr wissen will. Aber Vorsicht: Erschlagt ihn nicht am Anfang mit Beschreibungen, ohne dass etwas passiert.

Ungewohnte Perspektive
Das "Man bites Dog" Prinzip. Wedelt mit dem Hund. Schreibt etwas aus einer Perspektive, die allem entgegengesetzt ist, was der Leser erwartet.


Techniken, um einen Leser zu fesseln
Gut, wir haben also einen Leser in unseren Klauen. Jetzt wollen wir ihn natürlich nicht mehr hergeben. Er soll uns ausgeliefert sein, auf Gedeih und Verderben. Wie aber machen wir das?

Verbinden, was nicht zusammen gehört
Nehmt zwei Ideen, die auf den ersten Blick nichts, aber auch rein gar nichts gemein haben. Verbindet sie. Macht etwas neues daraus.

Beschreiben, ohne zu beschreiben
Entmündigt den Leser nicht. Beschreibt die Dinge, ja, aber nicht Absätzeweise am Stück. Lasst die Beschreibungen vielmehr in die Handlung einfliessen. Deutet an, anstatt ein detailliertes Bild zu malen. Gebt dem Leser das Gefühl, er weiß genau, wie alles aussieht, ohne mehr als drei Sätze darauf verschwendet zu haben, vorzugsweise weniger. Euch gehört immer nur ein Teil der Geschichte, dem Leser der Rest. Gönnt ihm diese Hälfte, und vertraut ihm

Surprising Twists
Versteht sich fast von selbst. Führt den Leser in die Irre, ohne ihn zu belügen. Sorg dafür, dass er die Dinge falsch verstehen muss, und zieht ihm dann den Boden unter den Füßen weg. Wichtig: Wenn er die Geschichte nochmal liest, muss er dieses Gefühl des "Oh mein Gott, wie konnte ich das übersehen?" oder "Ja, natürlich!" haben.


Den Leser zufrieden entlassen
Das einzige, was fast so wichtig ist wie der Anfang, ist das Ende. Wenn der Leser ein Ende liest, was ihn nicht zufrieden stellt, wird er die Geschichte, so gelungen sie bis dahin war, in schlechter Erinnerung behalten. Nichts einzuwenden gegen ein Ende, was einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt, erschreckt, schockiert, verwirrt oder einfach nur ein paar Minuten lang in rasenden Gedanken erstarren lässt. Aber niemals ein halbherziges Ende, oder ein Ende, von dem ihr glaubt, der Leser will es haben. Es muss so ausgehen, wie es die Geschichte fordert, und es muss stimmig sein. Und auch hier: Entmündigt euren Leser nicht, gebt ihm ruhig die Möglichkeit, die Geschichte anders zu verstehen, als ihr es euch gedacht habt. Aber gebt ihm die Möglichkeit, ein Ende zu finden.

Hört das denn nie auf?
Das Ende sollte dem Finale folgen. Nichts ist ermüdender, als nach dem storytechnischen Orgasmus sich stundenlang erzählen zu lassen, warum die Geschichte jetzt so gut war. Ein, zwei lose Enden verknüpfen sollte reichen.


Die Kunst, Leben zu erschaffen
Ich denke, jeder, der schreibt, kennt das Gefühl, wenn ein Charakter mit einem Mal ein Eigenleben entwickelt. Tut, was er will. Dinge, die wir nie vorgesehen hatten. Das ist gut. Das ist sogar sehr gut. Wenn wir damit umgehen können.

Einen Charakter zum Leben erwecken
Kennt eure Charaktäre. Wisst um sie. Lernt ihre Eigenheiten und Marotten kennen, ihre Ängste und Hoffnungen. Ihre Motivation! Selbst, wenn ihr nur 10% davon in der Geschichte einsetzt, so wird der Leser dennoch spüren, dass der Charakter mehr auf dem Kasten hat als nur die 10% Und nur ein Charakter, den ihr kennt, kann seiner selbst entsprechend handeln. Vielleicht fordert ihr etwas von ihm, das ihm widerspricht. Dann versucht nicht, ihn zu zwingen, sondern schaut zu, welchen alternativen Weg er einschlägt. Ein lebendiger Charakter wird euch so zu Orten führen, die ihr euch im Traum nicht hättet einfallen lassen.

Einen Charakter im Zaum halten
Weit schwieriger, als sie lebendig zu machen. Lasst nicht zu, dass euch die Geschichte aus dem Ruder läuft. Haltet das Ziel im Auge. Erzwingt nichts, und versucht nicht, die Charaktäre direkt zu lenken. Formt vielmehr die Bühne, die Umstände so, dass sie wieder auf den rechten Weg kommen.


Pfui-Bahs!
Dinge, die ihr tunlichst meiden solltet.

  • Worte wie "Plötzlich" und Konsorten. Wenn etwas plötzlich passiert, sollte das aus dem Textfluss fühlbar sein und nicht erst genannt werden müssen.
  • Die Waffe, durch die der entscheidende Schuss im letzten Kapitel fällt, erst im vorletzten Kapitel auftauchen lassen. Sie gehört spätestens ins zweite Kapitel.
  • "Grummelte er", "Murmelte er", "Feixte er" und Konsorten sehr spärlich einsetzen. Tatsächlich auf "sagte er" und "fragte er", vielleicht noch "log er" bauen. Den Rest wieder von selbst im Kopf des Lesers entstehen lassen. Ein mies gelaunter Charakter wird eher grummeln als fröhlich daherplappern, auch wenn ihr es nicht explizit sagt.
  • Sätze mit einem "und" verbinden, welches genauso gut ein Punkt sein könnte. Ausser, es entspricht gerade den wild zusammenhängenden Gedankengängen eines Charakters.
  • Niemals die eigenen Regeln brechen. Jede Welt, die ihr erschafft, hat Regeln, und mögen sie auch noch so verrückt sein. Lernt die Regeln kennen. Haltet euch daran.
  • Niemals ein Ende erzwingen, wo kein Ende ist. Dann lieber offen/zweideutig lassen, selbst mittendrin einfach aufzuhören ist besser als ein erzwungenes Ende.

Anmerkungen

Ein Schriftsteller muss ein eiskalter Mörder sein. Ihr müsst bereit sein, einen geliebten Charakter kaltblütig umzubringen oder ins Unglück zu stürzen. Keine Gnade.

Vermeidet Schwarz-Weiß-Malerei. Es gibt graustufen für jedes Wesen, welches ihr beschreibt. Mehr noch: Farben! Nutzt sie. Einzige Ausnahme: Schwarz-Weiß malen, um dann im Laufe der Geschichte langsam schwarz zu weiß und weiß zu schwarz zu machen.

Schreibt über alles, worüber ihr schreiben wollt. Ein guter Lehrer hat mir mal gesagt: "Es gibt nichts, worüber noch nicht geschrieben wurde. Es kommt nur darauf an, aus deiner ganz eigenen Sicht zu schreiben. Themen sind austauschbar, aber du bist einmalig."