Ein Verriss über zwei Gedichte von Hanswurst HaaseDer bislang – zu Unrecht! – noch nicht von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommene Poet, Hanswurst Haase – der Name lässt uns ein Pseudonym vermuten, welches allerdings höchst elegant gewählt ist – hat zwei neue Gedichte vorgelegt, die Bahnbrechendes zur Lyriktheorie und Diskussion einbringen: „Dichters Geschenk“ & „Gedicht vom dicken Wicht“.
Wie lange mussten man darauf warten, dass uns endlich jemand die Augen öffnet!
Ist das erste Gedicht („Geschenk“) noch eher traditionell gehalten (drei Strophen zu je vier Versen mit einem reinen Kreuzreim, abgesehen von der letzten Zeile („Wände“, welches nur unsauber auf „Ende“ reimt, womit der Dichter aufzeigen will, dass es keine vollkommene Harmonie in unserer von Moralverlust geprägten Welt mehr geben kann, so zeigt Haase im zweiten Text, wie virtuos er sich über die Tradition hinwegzusetzen vermag:
Der im ersten Text noch zu zaghafte Versuch, Rhythmus und Metrum gegeneinander auszuspielen, eruptiert hier zu einem schier orgiastischen Feuerwerk! Keine Zeile gleicht der andern. Der sechsfache „icht“-Reim in der ersten Strophe wird permanent konterkariert durch auffällige Nicht-Reimer „Poet“ & „Wein“, womit das doppelte Sujet des Gedichtes hervorgehoben wird: der trunkene Dichter, der übrigens auch eine „Salami“ nicht verschmäht.
Welch gewaltiges Assoziationsfeld wird gerade durch diese Salami eröffnet! Wer denkt hierbei nicht zugleich an Bierschinken, Schwartenmagen, Blut- und Leberwurst oder gar an eine leckere Schmalzstulle?
Die Zerschlagung gängiger Denkklischees, die sich schon im ersten Gedicht andeutet – die Doppelzeile
„Ich will meiner Liebsten nur
Etwas für daheim“
wird vom Leser zunächst als elyptisch aufgefasst – vermisst die von der Grammatik geforderte Infinitivergänzung zu einem modalen „wollen“ – doch dann enttäuscht der Dichter seinen Leser, indem er durch ein elegantes Enjambement zur nächsten Strophe diese Leerstelle füllt: „Singen, spielen ... „ – findet im Gedicht vom dicken Wicht ihren Kulminationspunkt: Der personalisierte Reim „er lacht und setzt sich...“ bleibt syntaktisch unvollendet und wird, insofern er mit „grünem“ (hier zeigt der Dichter deutlich seinen politischen Standort) „Plunder“ konfrontiert wird, sich selbst zum Gespött.
Und hier liegt die einfache Kernaussage beider Gedichte: Scheinbar bemüht sich Haase – wie schon Tausende von Poeten vor ihm – seiner „Liebsten“ zu imponieren, aber nur scheinbar“ In Wirklichkeit zermartert er sich jedoch Herz und Verstand, um durch Zerschlagung jeglicher Illusion und unter Einsatz einer feinen Ironie auf einer höheren Ebene das auszudrücken, worum es ihm geht – nämlich um nichts!
Autor: Dieter Mössinger